TEXTE

 

DANKE

Geschriebenes
und Gesprochenes. 

 

Edda Rössler, 2026

„Come Closer. Christopher Knaus arbeitet mit Papier, als wäre es ein Denkraum. Was in seinen neuen Werkreihen zunächst beinahe verschwindet, entfaltet bei näherer Betrachtung eine eigentümliche Sogkraft: winzige Kreisscheiben auf hauchdünnem Kozo-Papier, feine Reihungen, minimale Verschiebungen, kaum sichtbare Reliefs. Die Ausstellung »Come Closer« im Kunstverein Familie Montez verwandelt diese Zurückhaltung jedoch nicht in dekorative Stille, sondern in eine präzise Versuchsanordnung über Ordnung, Wahrnehmung und das Verhältnis von Individuum und Gruppe.

Knaus steht dabei in der Tradition der Minimal und Conceptual Art, ohne deren historische Formeln bloß zu zitieren. Seine Arbeiten erinnern an die Serialität eines Sol LeWitt oder die meditative Strenge konkreter Kunst. Ihre eigentliche Spannung entsteht jedoch aus der Beharrlichkeit eines Systems, das nie kalt wirkt. Hinter jeder Positionierung, jedem Abstand, jeder Lochung verbirgt sich ein komplexes Regelwerk, das mathematische Logik mit existenziellen Fragen verbindet.

Besonders die neuen Werkreihen »Konvers« und »Radius«, die erstmals in Frankfurt gezeigt werden, entwickeln daraus eine verblüffende visuelle Energie. Über Monate montierte Knaus mehr als 1500 winzige Papierscheiben auf große Bögen koreanischen Kozo-Papiers. Was aus der Distanz beinahe immateriell erscheint, offenbart aus der Nähe ein präzise choreografiertes Geflecht aus Beziehungen, Verschiebungen und Abhängigkeiten. Jedes Element verweist auf ein anderes. Nichts steht isoliert. Alles ist Relation. Gerade darin liegt die Kraft dieser Arbeiten. Sie verlangen Langsamkeit in einer Gegenwart permanenter Reizüberflutung. Schatten werden zu Linien, Raster zu Bewegungen, minimale Differenzen zu erzählerischen Ereignissen. Die Werke kippen zwischen Ordnung und Irritation, zwischen wissenschaftlicher Präzision und stiller Poesie. Dass Knaus seine Kunst nicht laut inszeniert, macht sie umso eindringlicher. Seine Arbeiten drängen sich nicht auf; sie ziehen hinein.

Der Titel »Come Closer« ist deshalb weniger Einladung als Methode. Erst die Annäherung offenbart die komplexen Systeme hinter der scheinbaren Ruhe – und die Intensität des genauen Hinschauens.“




Dr. Ariane Grigoteit, 2025

„Abstandsnähe. Knaus beschreibt darin eine Art Betrachtung, wie nahe sich Dinge sein können, so dass sie einerseits als Gruppe und andererseits als Individuen erkennbar bleiben. Den Besucher lenkt Knaus durch die gesamte Ausstellung hin zum Bug: Abstand verringern, um dort die früheste Arbeit der Schau aus der Nähe betrachten zu können. 

Knaus’ Erkundungen bilden hier gewissermaßen meditative, symmetrische, tastende Symmetrien. Das griechische »symmetria« bedeutet »Ebenmaß«. Und Symmetrie ist in der Lage, eine Figur oder ein räumliches Objekt durch Kongruenzabbildung auf sich selbst abzubilden. Wer sich selbst vor den Spiegel stellt, sieht darin den eigenen Körper, spiegelverkehrt, symmetrisch. Und obwohl seine Bilder abstrakt wirken, fußen sie alle auf konkreten Fakten, das kann die Kapsel sein, das kann eine Mengenangabe sein, das können räumliche Vermessungen sein, so wie sie auf dem Schiff im Vorfeld der Ausstellung vorgenommen wurden. 

Diese Befragung ist für ihn ein ganz zentrales Thema der grundlegenden Fakten, denn der Mensch ist nur Mensch, wenn er ein Bild von sich hat. Und warum sind die Dinge so, wie die Dinge sind? Seine Aufzeichnungen wirken dabei zugleich als geistige und körperliche Analysen, denn wir benötigen Symmetrien, um beide Seiten der Geschichte zu erkennen, denn oft sehen wir nur eine Seite. Doch zum Glück eröffnet er uns neue vielschichtige Wege und nachhaltige Transformation mit bahnbrechenden, nützlichen, überraschenden, spannenenden und skurrilen Perspektiven.“




Michaela Schneider. 2025

„Es geht ihm nicht um das Ausgangsobjekt an sich, sondern um die Möglichkeit, Regeln festzuschreiben. Nichts wird dem Zufall überlassen. Und so ist es folgerichtig, dass Christopher Knaus erst mit der praktischen künstlerischen Umsetzung beginnt, wenn ein Konzept vollständig durchdacht und entwickelt ist. Betrachtet man die Arbeiten ohne Erläuterung, mag man zwar intuitiv Bezüge und Zusammenhänge wahrnehmen. Wie logisch durchdacht die Konzepte sind und woher die stille Harmonie zwischen den rund 45 gezeigten Arbeiten rührt, lässt sich ansonsten nur mit den Texterläuterungen im Ausstellungsflyer greifen.

Am Anfang also standen vor rund 15 Jahren Kapselbilder – Collagen, die aus den Innenseiten zumeist spanischer Weinkapseln gearbeitet sind. Eine solche Kapselbild-Collage digitalisierte Christopher Knaus dann und vergrößerte diese als Edelstahl-Silhouette den Relationen von Weinflaschen zueinander entsprechend: Die »Magnum« hat mit eineinhalb Litern den doppelten Inhalt einer Bouteille, es folgen Doppelmagnum, Jéroboam und weitere Größen. Edelstahl taugte dem Künstler als Material, weil Wein in Edelstahlfässern reift; von hinten lackiert hat er die Silhouette, weil er auch bei den Weinkapseln das Innere herausarbeitete. 

Deutlich wird auch, was es mit dem Ausstellungstitel »Abstandsnähe« auf sich hat: Christopher Knaus hinterfragt mit seinen Arbeiten die Eigenschaften von Individuen und Gruppen, die Einzelformen der Weinkapseln verändern sich vom Kapselbild zur Edelstahl-Silhouette zu einer geschlossenen Umrissform. Dann die nächste konsequente Weiterentwicklung: Eine vorhandene Edelstahl-Silhouette wird herangezogen, um eine positive Blindprägung in Büttenpapier zu fertigen – ein Kapselbild aus geprägten Weinkapseln wird zu einer neuen Prägung – und auch der Bezug zur Materialität von Weinetiketten ist hergestellt.

Auch Knaus‘ Werkreihe »Siam« bezieht sich auf ein Kapselbild. Dafür ermittelte er die Mittelpunkte der Kapseln und vergrößerte sie als feste Formation in fünf Schritten, so dass Punktformationen in sechs Größen entstanden. Aus handgeschöpftem Siam-Papier fertigte er Kreisflächen mit Barriquefassdurchmesser, die – zunächst übereinander gelagert – sich dann in sechs Bildern zur ursprünglichen Formation entwickeln. Erneut geht es um Individuen, geht es um Gruppenzugehörigkeit. Aus der Werkreihe »Siam« entwickelte sich in einem weiteren Schritt die Werkreihe »Tin«, bestehend aus 225 Zeichnungen, bei denen Fläche nun zur Linie wird: Die abgerundeten Linien als Ausschnitte aus den Siam-Kreise entstanden, indem der Künstler mit der Zinnkapsel einer Bouteille auf Büttenpapier rieb, immer und immer wieder. Exakt die dreihundertste kreisförmige Zeichenbewegung beendete jeweils eine Zeichnung. 

Und am vielleicht sichtbarsten wird das Kernthema der »Abstandsnähe« bei den »Champagnerdamen «: Gearbeitet aus Agraffen entstanden viele einzelne individuelle Figürchen, die nun in ihrer Gesamtheit das Kunstobjekt bilden.“




Gunter Schmidt, 2025

„Noch nie hatten wir eine Ausstellung, bei der der Abstraktionsgrad derart hoch war wie bei dieser aktuellen Präsentation mit Werken von Christopher Knaus. Er zeigt Werke von cooler  Zurückhaltung und Rationalität, durchdachter Geometrie und einer klareren, konstruierten Systematik. Und: was für einer Form? Die Beantwortung dieser Frage führt uns auf eine grundlegende Spur zu der konzeptionellen Cleverness, die hinter allem steckt. 

Eine Reihe von Bildern beginnt mit einer Kreisform. Ausgerissen oder diffizil herausgelöst aus Japanpapier und mittig angebracht auf einem neutralen dunklen Hintergrund. Beim nächsten Bild in dieser Reihe kommt ein zweiter Kreis ins Spiel. Ebenfalls ein Stück Papier, kreisfömig und identisch groß. Ganz leicht zueinander verschoben, überschneiden sich die beiden Papier-Scheiben. Gemeinsam nehmen sie ein bisschen mehr Raum ein. Und so geht das weiter mit einer dritten und vierten Kreisform usw. Diese collagierte Anordnung bildet auf der Basis zweier und mehrerer absolut gleicher Kreise eine neue Gesamtform. Deren gemeinsamer Umriss hängt davon ab, wie regelmäßig oder frei die Kreise zueinander arrangiert wurden. Die Reihe dieser »Siam«-Bilder kommentiert der Künstler mit eigenen Worten so: 
»Die sechs Tafeln zeigen – bei nur je einer schrittweisen Veränderung – eine Entwicklung, in der undeutlich wird, wo die Eigenständigkeit eines Individuums endet oder wo dessen Zugehörigkeit zur Gruppe beginnt.«

So gesehen bekommt der gestalterisch konstruierte Vorgang eine zusätzliche, soziologische Ebene: Individuum und Gruppe. Dieses Prinzip – sowohl formal, als auch mit inhaltlichen Bezügen – gilt in dieser und anderer Form für alle hier gezeigten Werke. Es ist typisch für Christophers künstlerisches Konzept, dass aus dem minimalistischen Ursprung eine zunächst nicht wahrgenommene Subtilität aufscheint.  

Kunst ist subtil, in jeder Form. Der konstruktivistischen Art der hier gezeigten Kunst trauen wir eine Botschaft oder einen inhaltlichen Aspekt vorab gar nicht zu. Er ist in erster Linie auch nicht beabsichtigt. Der kreative Impuls ist zunächst geprägt von einem kalkulierten Spiel der Formen. Und doch kommen im Rahmen möglicher Assoziationen auch hier inhaltliche Aspekte zustande, wie die bereits erwähnte Relation von Individuum und Gruppe. 

Bei Christopher Knaus ist das durchaus gewollt. Wenn er in verschiedener Weise Kreise zu einer Gesamtheit vereinigt – und wenn wir Assoziationen zulassen – dann stellen sich Fragen solcher Art: Fühlt sich diese Gesamtheit als Gruppe? Ist diese Gruppe gleichbedeutend mit verträglicher Gemeinschaft? Sind sich die verschieden konturierten Gebilde ihrer engen Verwandtschaft bewusst, da sie doch alle aus dem gleichen individuellen Grundtypus entspringen? Was ist mit den Leerständen, die sich unvermeidlich dazwischen bilden? Besagt deren Nähe und Abstand etwas über Sympathie und Ablehnung?

Aus dem Miteinander minimierter Formen und den Varianten ihres Zusammenwirkens erwächst eine subtile Komplexität. Erreicht wird das durch künstlerischen Eingriff in der Art, wie Christopher Knaus ihn hier präsentiert.“




Marc Hoinkis, 2025

„Wie weit müssen zwei Dinge auseinanderliegen, um einen Abstand zu verzeichnen? Und ab wann entsteht eigentlich Nähe? Mit »Abstandsnähe« zeigt der Künstler, dass Abstand nicht zwingend anfängt und Nähe nicht unbedingt aufhört. Dabei sind Kreise das Hauptmotiv der Kunstwerke. 

Die Werkreihe »Siam« verweist auf die Progression eines Kreises, der sich sozusagen dupliziert und in die uns nun schon bekannte Anordnung findet. Eigentlich sind das sechs einzelne Kreise aus handgeschöpftem Siam-Papier, die erst übereinander liegen und sich immer weiter voneinander entfernen, dabei aber immer in Berührung bleiben. »TIN« geht nun aus den Siam-Tafeln hervor. Die Randlinie dieser Kreisflächen, wird dann auf Büttenpapier übertragen, in dem genau dreihundertmal mit einer Zinn-Kapsel darüber gerieben wird.

Eine Werkreihe, die sich von den anderen in ihrer Form etwas abhebt, sind die »Champagnerdamen«. Der Künstler will hier formale und soziale Fragen aufgeworfen wissen: Was ist Figur oder Objekt? Was ist Individualität?“




Thomas Hess, 2025

„Variationen der Kreisform. Auf den ersten Blick wirken die Arbeiten von Christopher Knaus, die zurzeit im Kunstverein ausgestellt werden, sehr abstrakt. Auf den zweiten Blick wird für den Betrachter deutlich, dass es sich bei den Bild-Objekten in erster Linie um Varianten einer grundlegenden Idee handelt: Äußerlich formal gesehen um die Variationen der Kreisform, die hier in diversen Erweiterungen – als Ring, Scheibe, Kugel – und Anordnungen und mit unterschiedlichen Materialien (Papiere, Stahl, Zinn, Acryl) gewissermaßen mathematisch durchgespielt werden. 

Dies geschieht in mehreren unterschiedlich betitelten Werkgruppen, die nach einem strengen geometrischen Kalkül eine bestimmte Bild-Idee optisch und bis zu einem gewissen Grade auch sinnlich-materiell umsetzen. »Für die Konzeptkunst ist die Idee hinter einem Kunstwerk wichtiger als dessen Ästhetik«, heißt es in Wikipedia.

Doch das bedeutet nicht, dass diese Art von Kunst nicht auch eine ästhetische Dimension besitzt. Entscheidend ist, dass sich der/die Besucher(in), bereit ist, sich von ihrem spröden Zauber einfangen zu lassen – mit oder ohne Wissen um das dahinter stehende Konzept.“    
 

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